Der Rudi vom Bahnhof

Die Sonne der vergangenen Monate bräunte sein Gesicht, seine Haut scheint wie seine Seele aus gegerbtem Leder zu bestehen, viel hat er in seinem Leben hinnehmen müssen, und dennoch hat er die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht aufgegeben.

Dieser Artikel stammt aus dem Jahr 2012

Rudolf Wimmer alias Rudi der Sandler. Wenn man ihn so nennt, fasst er dies aber nicht als Beleidigung auf. „Es ist halt einmal so“, sagt er in seinem unver-fälschten oberösterreichischen Dialekt. Er ist zu einem Teil von Wels geworden, nicht nur am Bahnhof kann man ihn antreffen, auch am Markt treibt er sich herum und hilft dort einem befreundeten Zeitungsverkäufer aus dem Iran, seine Ware zu verkaufen.

„Es war die Scheidung meiner Eltern, die mich auf den Bahnhof gebracht hat“, sagt er etwas traurig. Nach der Trennung lebte er bei seinem Vater, seine Stiefmutter ließ ihn entmündigen, „sie hat immer gesagt, du bist doch blöd.“ Seine Mutter und auch der Vater mussten finanziell für Rudi aufkommen, genau dieses Geld steckte die Stiefmutter in die eigene Tasche. Seit seinem 17. Lebensjahr arbeitete Rudi dann bei den Format Werken in Gunskirchen und lebte in einer Wohnung in Weißkirchen, seiner ursprünglichen Heimatgemeinde. 1995 wurde er von seinem Arbeitsplatz gekündigt, 2 Jahre später musste er seine Wohnung verlassen, weil er die Miete nicht mehr bezahlen konnte. Seither lebt er auf der Straße, von seiner Mindestpension kann er sich die wichtigsten Lebensmittel kaufen. Für eine Wohnung reicht sein Geld jedoch nicht aus. „Vom Magistrat möchte ich keine Wohnung nehmen, ich möchte sie mir selbst aussuchen“, sagt er selbstbewusst. Seine Freiheit ist ihm viel wert und oft das Einzige, was er an menschlicher Würde noch besitzt. Sein Markenzeichen ist sein Besen. Tag ein Tag aus kümmert er sich darum, dass der Bahnhofsplatz sauber gehalten wird, dabei scheint er auf nicht viel Wohlgefallen beim Magistrat zu stoßen. Seine Besen muss er sich selbst zahlen, nicht einmal einen Gelben Sack bekommt er vom zuständigen Straßenreiniger. „Bis 21:00 Uhr ist der Spar geöffnet, erst dann kann ich mit meiner Arbeit beginnen“, sagt Rudi stolz. Im Frühling und im Sommer kümmert er sich um den Müll, der auf dem Bahnhofsplatz liegt, im Herbst kommen die Blätter dazu, und im Winter räumt er den Schnee vom Platz, damit der Magistrat dort nicht so viel Arbeit mit den Räumarbeiten hat. Wenn es zu kalt ist, kann er nicht in seiner Bushütte bleiben. Auf unsere Frage, wo er dann schläft, antwortet er: „Das muss ich mir noch ansehen.“

Obwohl er als Obdachloser ein Welser Unikat ist, hat er es mit den Welsern nicht immer leicht. Bevor wir uns am Markt-gelände trafen, leerte ein Betrunkener sein Bier in das Genick von Rudi. Er kennt die Probleme am Bahnhofplatz, schon 12-Jährige treffen sich dort, um sich zu betrinken. Viele von ihnen werden dann aggressiv und gehen auf Rudi los.

Sie beschimpfen ihn, bespucken ihn und greifen ihn körperlich an. Mit Alkohol habe er nicht viel am Hut, sagt er uns, gelegentlich trinkt er ein Bier, sein einziges Laster ist das Glücksspiel. Ganz stolz zeigt er uns eine Sammlung von gewonnenen Plüschtieren. Nur ungern schenkt er sie her, nur einmal schenkte er einem kleinen Mädchen einen Elefanten, den er zuvor gewonnen hatte. „Sie hat sich so gefreut“, erzählt er uns und lächelt dabei zufrieden. Sein Glücksspiel ist ein Spiegel seiner Hoffnung auf bessere Zeiten. Seine Mutter besaß ein Haus und ein Grundstück in Weißkirchen, aber weil Rudi nach der Scheidung zu seinem Vater zog, enterbte ihn seine Mutter. „Alles wäre besser, hätte sie mich nicht enterbt“, sagt Rudi traurig.

Am 01. September feiert Rudi seinen 58. Geburtstag. Sein größter Wunsch: eine Freundin finden und mit ihr in eine gemeinsame Wohnung ziehen. Das Wasser in seinen Füßen erschwert ihm sein Leben zusätzlich. Ins Krankenhaus will er, obwohl er etwas schmunzelnd meint: „Die bringen ja auch nichts zusammen.“ Sein Schmäh hilft ihm dabei, vieles gelassen hinzunehmen.